Am 25.
Oktober 1950 kamen einige Mitglieder der Ansbacher Künstlervereinigung „Die
Barke" sowie verschiedene Kunstfreunde in der Wohnung des
Regierungspräsidenten von Mittelfranken, Dr. Hans Schregle, zusammen, um über
die Gründung eines "Kunstvereins" zu beraten. Ziel sollte die „Pflege
der bildenden Künste" sein.
Bereits eine
Woche später traf sich ein größerer Kreis auf Aufforderung des
Regierungspräsidenten im Leseraum des Ansbacher „Hauses der Volksbildung".
Die Gründung des Kunstvereins begann sich abzuzeichnen. Und bereits am 24.
November fand der erste Lichtbildervortrag statt. Dr. Carl Lamb sprach über die
Tiepolo‑Fresken in der Würzburger Residenz. Damit auch zeichnete sich
eine Haupttendenz des künftigen Vereins ab, die zu gelegentlichen
Missverständnissen Anlass gab.
Der
Kunstverein Ansbach entwickelte sich nämlich schwerpunktmäßig als
kunsthistorischer Verein, der selbstverständlich aber auch die Würdigung
zeitgenössischer Kunst in seine Arbeit einbezog. Eine selbständige Organisation
von Ausstellungen mit Werken der Gegenwartskunst, verbunden mit der nötigen
Organisationskapazität mitsamt dem wirtschaftlichen Risiko, wie es durch viele
namensgleiche Vereine im Bundesgebiet erfolgte and erfolgt, war aber nie sein
Ziel.
Am 7.
Dezember 1950 fand dann eine erste Ausschusssitzung im Ansbacher „Schwarzen
Bock" statt, bei der eine kommissarische Vorstandschaft aufgestellt wurde.
Als erster Vorsitzender amtierte Dr. Hans Schregle, vor 1945 im höheren
Schuldienst. Er hatte im sogenannten „Dritten Reich" erhebliche Schwierigkeiten,
war Sozialdemokrat and erster Ansbacher Oberbürgermeister nach dem
Zusammenbruch von 1945. Noch heute sehe ich ihn am 18. April dieses Jahres über
den Martin‑Luther‑Platz Richtung Bad, heißt amerikanische Truppen,
radeln. Der Oberbürgermeister im Schnellbackverfahren war wenige Monate später
Regierungspräsident von Mittelfranken. Schregle gehörte zeitlebens zu jenen
grundkultivierten Menschen, die das selbstverständliche Befassen mit der Kunst
von Vergangenheit and Gegenwart, parallel zum Hauptberuf, als unaufhebbare
Verpflichtung empfanden.
Zum zweiten
Vorsitzenden wurde Dr. Dr. Wendelstein berufen. Auch er, ohne selbst jemals
kreative Beiträge zu erbringen, empfand die ständige Offenheit gegenüber Kunst
und Kultur als dauernden Auftrag des kultivierten Bürgers. Schriftführerin
wurde Maria Schregle, Gemahlin des Regierungspräsidenten, zu Kriegsende im
höheren Schuldienst an der Oberrealschule Ansbach, dem späteren Platen‑Gymnasium.
Die Funktion des Kassiers übernahm zunächst Sparkassendirektor Karl Engelhardt.
Bei den folgenden Ausschusssitzungen erklang immer wieder der Wunsch, „durch
das fränkische Land" zu fahren. Am 8. Februar 1951 kam schließlich die
offizielle Gründung. Schriftführer wurde Dr. Wirsching, Schatzmeister Wilhelm
Baumann, durch seinen Einsatz für Ansbacher Baudenkmäler hochgeachtet. Dr.
Rudolf Gruber, später ehrenamtlicher Leiter des Ansbacher Museums, übernahm das
Amt des Kunstreferenten, also die eigentliche programmatisch‑inhaltliche
Schaltzentrale.
Zum ersten
Ausschuss gehörten unter anderem Wilhelm Kaußler, Kunsterzieher am Gymnasium Carolinum, Professor Waldemar Fritsch, „Porzelliner", nach
eigenem Verständnis Bildhauer und Kontaktmann zur (häufig in sich zerstrittenen)
„Barke", sowie Dr. Adolf Bayer, „der Justizrat", aus dem Bereich der
landeskundlichen und heimatgeschichtlichen Forschung.
In der Folge
waren die Standbeine des Kunstvereins Abendvorträge, meistens mit Lichtbildern,
Eintagesexkursionen, Besuche von zeitgenössischen Kunstausstellung und
größeren, überregionalen Ausstellungen. Die Organisation der Fahrten übernahm
das Reise‑ und Verkehrsbüro der Stadt Ansbach.
Die ersten
Ausflüge der zwölfjährigen „Schreglezeit" führten in die fränkische
Umgebung: Taubertal, Nürnberg und Umgebung, Weißenburg, Eichstätt, Heidenheim,
Ausstellungen des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg (woraus sich die
regelmäßige Vorweihnachtsfahrt in die Noris entwickelte). Dazu kam der Besuch
der Barke‑Ausstellungen in der Karlshalle.
Eine
besondere Qualität erreichte die Arbeit des Kunstvereins mit den großen
Exkursionen: 1954 Wien und Salzburg, England; 1955 Tours, Loire‑Schlösser,
Chartres und Paris; 1956 Provence, Riviera und Oberitalien; 1957 Trient,
Brescia, Bergamo, Verona und Venedig; 1959 Bretagne; 1960 wiederum die
Provence. In der Regel war dabei Hans Schregle die zentrale
Führungspersönlichkeit, unablässig bemüht, die Qualität des Gezeigten intensiv
zu erschließen.
1962 musste
Hans Schregle seinen veränderten Lebensverhältnissen Tribut zollen, zumal er
nach der Erreichung des Ruhestandes in Erlangen sesshaft wurde. Den Vorsitz
übernahm der gerade in der Interpretation der Gegenwartskunst äußerst
kompetente Hermann Kaußler. Der beliebte Ansbacher Kunsterzieher, selbst als Maler
und Graphiker sehr aktiv, einer der Barke-Motoren, vorbildlich tolerant und
geduldig, meinte später zu mir, in Momenten des Schwindens gesundheitlicher
Kräfte, dass er eigentlich gar nicht „so reden könne".
Auch und
gerade unter Hermann Kaußler entfaltete der Kunstverein unverdrossen seine
Arbeit. Das übliche Vortrags‑ und Ausstellungsprogramm wurde ergänzt
durch die lange nachklingenden Fahrten in die Toskana und nach Burgund (1965),
nach Flandern (1966), Prag und England (1967), Rom (1968) und Wien (1969).
Am 21. April
1970 übernahm Adolf Lang den Vorsitz des Kunstvereins. Er akzeptierte dieses
Amt in einem nicht ganz leichten Moment der Vereinsgeschichte. Das
Interessenpotential in und um den Kunstverein war zwar unverändert groß,
vielleicht sogar gewachsen. Es zeigte sich aber, schon während der Ära Kaußler,
dass manches Einzelinteresse am Kunstverein erloschen war, als der
Regierungspräsident das Deck verlassen hatte. Auch das Desinteresse der
Kunsterzieher an höheren Schulen wurde wiederholt moniert. Die Bereitschaft zur
Übernahme von Vereinsämtern sank abrupt ab, vielleicht nicht nur ein
Kunstvereins-Phänomen.
Wenn Dr. Dr.
Wendelstein später Adolf Lang als Retter des Kunstvereins pries, war das in
dieser fatalen Situation begründet. Adolf Lang, Ansbacher Abiturient, von 1960
bis 1962 wissenschaftliche Hilfskraft am Musikwissenschaftlichen Seminar der
Universität Erlangen, war 1963 nach Ansbach zurückgekehrt, wo er der erste
hauptamtliche Leiter des Stadtarchivs und des (damaligen) Kreis‑ und
Stadtmuseums wurde. Im Nebenfach zur Musikwissenschaft hatte er Kunstgeschichte
sowie romanische Philologie studiert und vereinte musikgeschichtliche,
kunsthistorische und landeskundliche Kenntnisse, was später die Exkursionen und
Vorträge des Vereins unverwechselbar prägen sollte. 1964 hatte er auch das Amt
des Stadtheimatpflegers übernommen und im selben Jahr die Mitarbeit im
Kunstverein (Ausschuss,1969 Kunstreferent) begonnen.
In den
folgenden 17 Jahren gab es keine prinzipiellen Veränderungen des Vereinskurses,
wenn man vom Ausbau der Beziehungen zum Kreis‑ und Stadtmuseum, später
Markgrafen-Museum Ansbach absieht. Rückgrat der technischen Abwicklung war weiter
das „Haus der Volksbildung", bzw. die Volkshochschule Ansbach. Und der
Reisedienst Steiner Ansbach, mit seinen vorzüglichen Fahrern, an der Spitze
Karl Wollmershäuser, wurde zu einem zusätzlichen Garanten der Exkursionen. Die
thematische Palette wurde erweitert, hohen Rang nahmen die Auslandsexkursionen
ein. So ging es 1971 für eine Woche nach Venedig, 1972 nach Oberösterreich,
1973 folgte Niederösterreich, 1976 Kärnten, 1977 wurde erneut die Provence
bedacht, 1978 galten zehn Tage den nordfranzösischen Kathedralen.
1980 folgte
der vierzehntägige USA‑Besuch unter dem Thema „Fränkische Kunstschätze in
amerikanischen Museen" ‑ eine inhaltsreiche Fahrt mit Ansbacher
Markgrafenporträts in Chicago, der Wolframs‑Eschenbacher Fayence‑Madonna
in Boston, Ansbacher Staatswappen, Rothenburger Tafelbildern in Cleveland,
Ansbacher Fayence und Porzellan in New York und Toronto, Ansbacher
Truppenfahnen in Washington.
1981 ging es
für 16 Tage in die Normandie, Bretagne und das Limousin. Dabei wurden auch
zeitgeschichtliche Aspekte berücksichtigt. 1982 waren Berlin, Dresden und
Meißen an der Reihe. Der Ansbacher Partnerstadt Anglet und dem baskischen
Umfeld galt 1983 eine Exkursion mit Werner Bürger, dem späteren Leiter des
Markgrafen-Museums Ansbach.
1985 führte
eine Zehntagesfahrt nach Apulien mit den großen Bauzeugnissen der Normannen und
Hohenstaufen. Sie wurde 1987, unter demselben Thema, durch eine Sizilienfahrt
ergänzt. Eine Tessin- und Lombardeifahrt flankierte das Jahresprogramm.
1987 verließ Adolf Lang Ansbach, um in Kassel als
Bildungsreferent des Bundesministeriums für Frauen und Jugend die Leitung des
Internationalen Arbeitskreises für Musik zu übernehmen. Er hatte 17 Jahre
seiner Tätigkeit als Vorsitzender vor allem durch das für ihn typische
Zusammenfließen allgemeinhistorischer, kunstgeschichtlicher, landeskundlicher
und musikalischer Daten geprägt. Höchstes Anliegen war ihm immer, jedem
Interessenten jeglichen Bildungsstandes einen Weg zu Kunst und Geschichte zu
bahnen.
Materiell
gesehen gab Adolf Lang dem Kunstverein eine solide wirtschaftliche Basis. Er
übernahm alle Führungen stets selbst, schloss häufig mit Hotels direkt ab,
ersparte also beträchtliche Kosten. Das entstehende bescheidene finanzielle
Polster bot schließlich die Möglichkeit, den Kunstverein für Aufgaben außerhalb
seiner herkömmlichen Arbeit zu engagieren, zum Beispiel für das Ansbacher
Museum.
Durch
Ankäufe, die dem Museum zur Verfügung gestellt wurden, wurde eine neue
Vereinsdimension eröffnet. So konnte die Sammlung Ansbacher Porzellan, im
Gefolge der Ausstellung „Ansbacher und Den Haager Porzellan", durch den
Kunstverein ergänzt werden. Das wichtigste Objekt war vielleicht der Erwerb
eines Gemäldes des Ansbacher Hofmalers Friedrich Gotthard Naumann, das den
Ansbacher Kupferstecher Johann Gottfried Köppel zeigt.
Auch die
Gegenwartskunst wurde nicht vernachlässigt. Die Sonderausstellungen des Museums,
in der Regel war jede zweite der Gegenwartskunst gewidmet, wurden regelmäßig
besucht. Zu einer wirtschaftlich eigenverantwortlichen Durchführung von
modernen Kunstausstellungen konnte sich der Kunstverein auch unter Adolf Lang
nicht entschließen. Dazu waren weder die finanziellen noch die personell‑organisatorischen
Voraussetzungen zu irgendeinem Zeitpunkt gegeben.
Dr. Udo
Müller‑Barthél führte ab 1987 den Kunstverein in eine neue
Arbeitsdimension. Ohne vom alten Auftrag etwas abzugeben, wurde die aktive
Unterstützung des Markgrafen-Museums Ansbach endgültig programmatischer und
realer Teil der Vereinsarbeit. Der Kunstverein begann, sich als Sponsor des
reichhaltigen, aber in der Entwicklung gehemmten Markgrafen-Museums zu
verstehen. Und derartiges Sponsorentum ist letztlich hochkarätig, weil es, über
die Eigenleistungen hinaus, die öffentliche Hand moralisch zu größerem
Engagement verpflichtet, die an massiver Bürgerbeteiligung nicht unbeeindruckt
vorbeigehen kann.
So gesehen
war es wichtig, dass bisherige Amtsträger ihre Arbeit fortsetzten, aber auch
neue Kräfte dazugewonnen wurden. So blieben beim neuen Team von Dr. Udo Müller‑Barthél
dankenswerterweise Ilse Lunt, Bert Ponath, Helmut Friedrich, Werner Bürger,
Hildegard Kaiser. Ein wesentlicher Zugewinn war Bezirksheimatpfleger Dr. Kurt
Töpner. Dazu stießen Gerhard Grohe als Schriftführer und Robert Wagner als
Schatzmeister. Elisabeth Hofmann und Luise Meyer verließen den Beirat und
wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt. Der bisherige Vorsitzende, jetzt Ehrenvorsitzende,
versuchte, aus dem fernen Kassel, durch Übernahme von Einzelaufgaben, wie bei
der abenteuerlich‑unvergeßlichen Maltafahrt, einen Beitrag für die
Zukunft des Kunstvereins zu leisten.
Dr. Udo
Müller‑Barthél führt das Grundprogramm des Kunstvereins als solches
uneingeschränkt weiter. Immer noch ist die fränkische Landschaft wesentliches
Thema, sind Besuche wichtiger Sonderausstellungen ein Grundanliegen, wird über
Vorträge eingehend vorbereitet.
1987 ging es
mehrtägig nach Köln und Kassel, 1988 zur Bajuwaren‑Ausstellung. Dr. Karl‑Heinz
Bartling war in diesen Jahren als Kunstreferent wesentlicher Garant der Arbeit.
1989 stellte die Studienreise, über 13 Tage hinweg, „Auf den Spuren des
Malteserordens", mit Rom, samt Papstaudienz und Besuch der Malteserbotschaft,
einem turbulenten Neapelaufenthalt (samt heimischer Fußballsiegesfeier), der
Kurzvisite von Syrakus und Palermo, schließlich dem Hauptthema Malta ein kaum
zu übertreffendes Ereignis dar. Oder hat jemand das Abenteuer des Übersetzens
mit eigenem Bus nach Gozo vergessen?
1990 ging es
auf eine reichhaltige Österreich‑Ungarn‑Fahrt, aber auch für fünf
Tage nach Paris. 1991 folgte erneut eine Exkursion zu den gotischen Kathedralen
Nordfrankreichs, diesmal mit dem Bamberger Museumsdirektor Lothar Hennig.
Insgesamt
stellt sich damit der Kunstverein Ansbach 1992 als Wesen voller Lebendigkeit
dar. Er ist jetzt beim Registergericht Ansbach eingetragen, die Satzung weist
die Förderung des Ansbacher Museums als zusätzliches Vereinsziel aus.
Mehr als vier
Jahrzehnte nach seiner Gründung hat er an Aktualität nichts verloren, im
Gegenteil, durch sein Projektengagement noch dazugewonnen. Er hat Zukunft.
Adolf Lang